Geschichte
Als das Kind "Schule" laufen lernte

Am Anfang waren die Eltern.
Die Eltern, die für ihre Kinder eine Waldorfschule wollten und keinen Platz bei der "Mutterschule" in St. Georgen fanden. Durch glückliche Schicksalsfügung fanden sie aber eine Gründungslehrerin, Frau Zeller, und über den Müllheimer Waldorfkindergarten die Klassenlehrerin, Frau Bütikofer, damals Eurythmistin mit Klassenlehrerausbildung.
Es ist schwer genug, die Biografie eines Menschen zu schildern, noch schwieriger, die einer Gemeinschaft zu ergründen, ihren roten Faden zu finden. Diese Gemeinschaft hat damals viel gebaut. An vielen Wochenenden haben wir uns, Eltern wie Lehrer, mit aufgekrempelten Ärmeln, voller Tatendrang auf dem Zirkusplatz für unsere Schule, ja, sogar für unsere Ideale eingefunden. Die Stimmung war heiter und gelassen, man bewegte bei der Arbeit Fragen der Waldorfpädagogik, man lachte viel und die Wände wuchsen unter unseren Händen. Der Handarbeitspavillon wurde durch 80% Elternarbeit fertig gestellt. Die meisten Klassenzimmer für die neue Erste wurden in der Nacht unmittelbar vor dem ersten Schultag lasiert und noch die letzten Leisten angebracht. Die strahlenden Gesichter und die roten Backen der Erstklässler waren unser Lohn. Aus einem kleinen Lesekreis von engagierten Eltern - etwa 17 an der Zahl - wuchs eine kleine Schulgemeinschaft heran. Manche konnten Klassenzimmer lasieren, andere hatten einen guten Draht zu den Lokalbehörden. Einer kümmerte sich um elektrische Angelegenheiten, wieder andere, übernahmen die Finanzen der jungen Schule.
Eine unglaubliche Ballung von Fähigkeiten und Talenten auf dem Zirkusplatz! Und alle Fäden hielt unsere Schulgründerin, Frau Christa Zeller, in der Hand. Sie war immer dabei, auf jeder Baustelle, in jedem Arbeitskreis, stets liebevoll, nie mit erhobenem Zeigefinger, und sei es nur mit einem Korb voll Kuchen und Kaffee. Kann unter solchen Umständen noch von einer "Sturzgeburt" der Müllheimer Schule die Rede sein, wie damals `87 die Gutachter der Gründungsinitiativen in Stuttgart unsere Gründung nannten?
Wir bekamen als letzte Waldorfschule in Baden-Württemberg (gleichzeitig mit Ulm 2) 1993 einen Bauzuschuss vom Land. Und das Schicksal blieb uns weiterhin gewogen. Ein warmer Wind kam von irgendwoher und blähte die Segel unserer Waldorfbegeisterung erneut auf, als wir hörten, dass das Gendarmeriegebäude zu erwerben sei. Ein Jahr später, 1994, wurden uns auch die Reithallen angeboten, die wir ohnehin schon gelegentlich benutzten.
Alles Zufall? Glück? Oder Menschen, die das Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort denken und auch ins Leben rufen? Das junge Lehrerkollegium schrieb sich die Kunst auf die Fahnen, bzw. die Notwendigkeit, die Pädagogik aus der Kunst heraus zu entwickeln. Eltern sollten in diesen Prozess auch mit einbezogen werden. So entstand im Frühjahr 1992 unter der Leitung unseres damaligen Musiklehrers Herrn Vogt ein grandioses Projekt: Die Aufführung der Carmina Burana von Carl Orff. Die Gemeinschaft zeigte nun auch in der Öffentlichkeit ihr kreatives Potenzial. Kinder, Eltern und Lehrer waren dabei!
Man wollte alles besser machen als andere Waldorfschulen. 1994 führten wir den Fachunterricht in Epochen ein und nannten unser "Versucherle" das "Müllheimer Modell". Die Waldorfszene interessierte sich für unsere Erfahrungen. Nach drei Jahren mussten wir unser Experiment über Bord werfen; die Zwänge des Stundenplans haben uns eines Besseren belehrt. Auch das Oberuferer Christgeburtspiel sollte neu entworfen und an unsere Zeit angepasst werden. Bereits 1990 fand die erste Aufführung statt. Jedes Jahr wurde das "Eltern-Lehrer-Geschenk"Weihnachtsspiel anders inszeniert und seine Resonanz ging weit über das Markgräflerland hinaus. Die Proben und die Aufführungen fanden in der unbeheizten, renovierungsbedürftigen Reithalle statt, da die Schulgemeinschaft inzwischen gewachsen war. Doch wurden wir alle - Ausführende und Publikum - reichlich belohnt: Zwei Jahre in Folge fiel nach der Aufführung der erste Schnee.
Man sollte allerdings nicht glauben, dass wir auf dem Zirkusplatz die soziale Harmonie für uns gepachtet hatten. Die Debatten in den Mitgliederversammlungen anfangs der Neunziger wurden dermaßen heftig geführt, dass es im Herbst `92 zu einem "Lehrerstreik" kam. Zwischen Lehrern und Eltern, die sich berechtigt auf eine Elterngründung berufen konnten, tat sich eine Kluft auf, z.B. beim Thema Elternpräsenz bei Lehrereinstellungen - heute allerdings kein Thema mehr, denn im Einstellungskreis sind längst drei Elternvertreter beteiligt. Finanzielle Sorgen wurden zu unseren treuen Begleitern. Man führte Baustunden ein für alle Familien, rief eine Leih- und Schenkgemeinschaft ins Leben und ging verstärkt an die Öffentlichkeit. Im letzten Augenblick fand man immer noch einen freudigen Sponsor oder bekam die Ausstattung eines Chemielabors.
Bereits 1994 gründeten wir, Eltern und Lehrer, einen Oberstufenkreis mit dem Ziel, eine Oberstufe an der Schule zu etablieren. Man las die Anregungen Rudolf Steiners zum Thema Oberstufe und Pubertät, man suchte Oberstufenkollegen oder man lud Vortragsredner ein. Man sammelte einfach Erfahrungen für die so genannte neue Schulgründung. Werden wir diese Neugründung schaffen, war hier die Frage. Oder verzichten wir aufs Abitur?
Mit dem Wachstum unserer kleinen Schule kamen jedes Jahr neue Fächer dazu, so dass wir 1999 über einen fast vollständigen Waldorf-Fächerkanon verfügten. Jedes Fach steht oder fällt mit dem Lehrer, der es "verkörpert". Im Stundenplan tauchten neue Fächer oder Epochen auf: Gartenbauunterricht, Bildhauern, das Fechten für die 9. Klasse, die Informatik , später die Ethik usw.. Mehrer Praktika wurden in der Oberstufe installiert, die zentrale Frage war: Was brauchen unsere Schüler fürs Leben und für ihre eigene Entwicklung? Wir merkten bald, sie kehrten verändert, selbstbewusster, um Erfahrungen reicher aus ihren Landwirtschafts- oder Sozialpraktika und der Alpen- und Wutachschluchtexkursion zurück.
Wussten Sie, dass unsere ersten Sozialpraktika in einem Waisenhaus in der Ukraine absolviert wurden? Dass es einen Klassenaustausch mit einer schottischen Klasse gab? Wussten Sie, dass beim gemeinsamen Abitur der Freiburger Schulen auch unsere "Abiturienten" dabei waren (bis 2005)? Und dass eine unserer Müllheimer Schülerinnnen die Prüfungen als Jahrgangsbeste bestand? Wussten Sie, dass in der heurigen Zweiten ein Mädchen dabei ist, dessen Eltern in der ersten Müllheimer Klasse (Balkonklasse in Sankt Georgen) Schüler waren?
So schließt sich der Kreis nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich: In der Mitte unsere Kinder und Jugendlichen mit ihrer jungen Schule, drum herum im Kreis Eltern, Lehrer, Freunde der Schule. Auch der äußere "Reigen" muss ein lernender sein, denn nur eine lernende, eine sich stets erneuernde Schule kann in die Zukunft weisen. Der Mut, die eigenen Erziehungsideale zu vertreten, die innovative Phantasie von Eltern, Lehrern und Schülern haben dieser Schule das "Laufen" beigebracht, so dass wir heute mit einem freudigen Lächeln auf zwanzig Jahre Schulgeschichte zurück blicken.
von Nikolaus Doriszky